Alexandra Schlund

Honor Westmacott/-Statik und Bewegung

Statik und Bewegung

Die Bilder von Alexandra Schlund leben vor allem von den Stimmungen, die in ihnen eingefangen werden. Die meisten Bilder sind nach Reisen durch Russland entstanden. Im Osten konnte sie verstärkt das Phänomen von einer konservierenden Ästhetik von Alltagserscheinungen beobachten. Hier wird der Eindruck einer Zeitverschiebung, einer Gleichzeitigkeit dieser „ Vergangenheit“ mit unserer parallelen Gegenwart erzeugt. Die Ästhetik dieser improvisierten Gebäudetypen, Buden und Leerflächen ist ein Ausdruck für eine Gesellschaft im Umbruch. So sehen wir auf den Bildern dann auch die schlichten Formen der Containerlandschaften, Imbissbuden und Häuser aus  Sowjetzeiten, häufig gesehene und wenig beachtete Bestandteile einer jeden Großstadt – ob sich diese jetzt im Umkreis von Berlin oder in Russland befinden ist dabei fast egal. Aber nur Fast – denn es sind die ortsspezifischen Stimmungen, über die diese Bilder informieren. Da könnten wir eine Reihe von Industriegebäuden sehen, wie wir sie aus Zugfenster beobachten, ein jedes Mal, wenn sich unser Zug aus dem Zentrum der Stadt bewegt, bevor wir das offene Land erreichen.

Aber doch haftet dem Bild etwas an, was uns zum näheren Hinsehen bewegt. Der Himmel – lesbar oft nur dadurch, dass sich unser Auge an den Waagerechten der Landschaftserkennung festhält – hat  eine besondere Weite und Höhe; das kann nicht irgendwo sein, es muss ein Abend in einer weiten Landschaft gemeint sein. Oder der Betonboden – wieder erkennen wir diesen nicht durch seine Texturbezogenheit, sondern durch unser Vorwissen. Unsere Kenntnis „dieser Landschaften“ hat eine besondere Beschaffenheit. Wo kann Beton so allgegenwärtig sein, wenn nicht an einen spezifischen Ort gedacht wurde? Immer wieder sind es die Farben – die wichtigsten Bestandteile einer gesehenen Stimmung,  die uns aufmerken lassen. Diese Farben sind doch überall und doch sind sie die Charaktermerkmale von ganz besonderen Orten, eben diese bunten Baracken, die eintönigen Lagerhallen oder der Imbissbude, die wir überall auf der Welt sofort als solche wahrnehmen. Ein schlammiges Grün, ein tiefes, blaues Violett, ein leuchtendes Gelb.

Kargheit und Schlichtheit der Objekte und ihre große Wirkung auf das Umfeld
Auch wenn die Gebäude, die wir hier sehen einen unbedingten Wiederkennungswert haben, auch wenn sie nun doch so allgegenwärtig sind, so zeichnet sie vor allem ihre absolute Zweckdienlichkeit aus. Diese Gebäude sind nicht zur Zierde errichtet – sie erfüllen ihren Nutzen und sich dadurch von größter Schlichtheit. Dies stellen wir auch im kompositorischen  Aufbau der Bilder fest. Bestimmt sind diese – durch die präsente Verbindung mit der Architektur – von starken Vertikalen und Horizontalen. Diese halten das Auge in Bann und lassen die Grundzüge der Komposition dominieren. Eine braune Vertikale steht im Vordergrund, fängt den Blick ein und leitet ihn dann – langsam – weiter, sodass wir nach und nach die Zusammenhänge des Dargestellten aufnehmen können. Nicht nur die Farben, auch durch andersartige Formen wird der Blick gebrochen. In den aktuellen Bilder arbeitet Alexandra Schlund verstärkt mit dem gezielten setzen von Techniken, welche erst die Oberfläche bestimmen. Im Aufbau aller Bilder bleibt die Künstlerin ihrer sorgfältigen, überdenkenden Arbeitsweise treu. Eine gesprayte Linie, hier mal in Weiß, einer  Kondenslinie gleich durch den Vordergrund dringend, dort in Grellrot scheinbar aus der Tiefe des Bildes auftauchend stört das Glatte, Selbstverständliche der Szenerie, schafft Risse in der Oberfläche oder legt sich wie ein Schleier  über die Härte der Grundform.

Durch die unterschiedliche Oberflächenbehandlung kommen in Schlunds Bildern verschiedene Bild-ebenen zutage. Die Darstellung von Räumlichkeiten und Flächen entsprechen nicht den üblichen Sehgewohnheiten. Die Bilder scheinen sich fast zu bewegen. Die flirrende Beschaffenheit von Lacklinien gibt in filmisches Erleben wieder. Durch unseren alltäglichen Umgang mit Bildschirmen und Film, sind wir diese Ästhetik – ähnlich der dargestellten Architektur –  gewöhnt und erkennen sie sofort als natürlich an. Was sich her allerdings heraushebt, ist die Bearbeitung dieser Zeitgenössischen Phänomene in einer Arbeitsweise, die so sorgfältig und langsam ist.

In der tieferen Betrachtung drängen sich sodann auch Vergleiche mit anderen Malern auf. Vermeer ist in seiner ruhigen Verarbeitung von alltäglichen Sujets in seiner Konzentration sicherlich ein Vorbild. Alexandra Schlund beschäftigt sich nicht bewusst mit der Kunstgeschichte, sondern versteht ihr Werk als autonom; ihre Vorbilder sind die visuellen Reize, die so von ihren Reisen mitbringt. Dennoch ist sie auch in dieser Arbeitsweise den großen Realisten nicht unähnlich, denen es bei den stillen Sujets um malerische Qualität ging.

Eine weitere Parallele lässt sich zu einem der großen Malern des 20. Jahrhunderts ziehen: Ebenso wie Schlund war der Amerikaner Edward Hopper fasziniert von der leichten Schwermut, der Romantik, die eben den oft menschenleeren, urbanen Landschaften anhaftet. Wenn wir Bilder wie „Eisenbahnbrücke“ aus den 50ziger Jahren mit Schlunds strengen Lagerhallen vergleichen, oder die „Nächtliche Apotheke“ mit dem erst vor kurzem entstandenen Bild „Dynamo“, so schwingt in allen eine romantische Stimmung mit, die zudem tiefe Wurzeln in einer nordischen Tradition erkennen lässt.

 

Statics and movement, Honor Westmacott

 

Alexandra Schlund’s pictures live above all from the moods that are captured in them. Most of the pictures were created after traveling through Russia. In the East, she was able to increasingly observe the phenomenon of a preserving aesthetic of everyday phenomena. Here the impression of a time shift, a simultaneity of this ” past” with our parallel present is created. The aesthetics of these improvised types of buildings, shacks and empty spaces is an expression of a society in transition. So we see in the pictures the simple forms of container landscapes, snack stalls and houses from Soviet times, often seen and little noticed components of any big city – whether they are now in the vicinity of Berlin or in Russia is almost irrelevant. But only almost – because it is the location-specific moods that these pictures inform about. There we might see a row of industrial buildings, as we observe them from train windows, each time our train moves out of the center of the city before reaching the open countryside.
But still, something clings to the image that makes us look closer. The sky – legible often only by our eye holding on to the horizontals of landscape recognition – has a particular breadth and height; this can’t be just anywhere, it must mean an evening in a vast landscape. Or the concrete floor – again, we recognize this not by its texture-relatedness, but by our prior knowledge. Our knowledge of “these landscapes” has a particular texture. Where can concrete be so ubiquitous if not thought of as a specific place? Again and again, it is the colors – the most important components of a seen mood that make us pay attention. These colors are everywhere, after all, and yet they are the character traits of very specific places, the very colorful shacks, drab warehouses, or snack shack that we immediately perceive as such anywhere in the world. A muddy green, a deep blue violet, a bright yellow.
Sparseness and simplicity of the objects and their great effect on the environment.
Even if the buildings we see here have an unconditional recognition value, even if they are now so ubiquitous, what distinguishes them above all is their absolute usefulness. These buildings are not erected for ornamentation – they fulfill their purpose and are thus of the greatest simplicity. We also notice this in the compositional structure of the pictures. They are determined – by the present connection with the architecture – by strong verticals and horizontals. These hold the eye spellbound and allow the basic features of the composition to dominate. A brown vertical stands in the foreground, catches the eye and then – slowly – leads it further, so that we can gradually absorb the connections of what is depicted. Not only the colors, but also through different shapes the gaze is broken. In the current images Alexandra Schlund works increasingly with the targeted use of techniques that first determine the surface. In the structure of all images, the artist remains true to their careful, thoughtful way of working. A sprayed line, here sometimes in white, a condensation line through the foreground urgent, there in bright red seemingly emerging from the depths of the image disturbs the smooth, self-evident scenery, creates cracks in the surface or lays like a veil over the hardness of the basic form.
Through the different surface treatments, various pictorial levels come to light in Schlund’s paintings. The representation of spaces and surfaces do not correspond to the usual visual habits. The images almost seem to move. The shimmering texture of paint lines gives a cinematic experience. Through our everyday interaction with screens and film, we are accustomed to this aesthetic – similar to the architecture depicted – and immediately recognize it as natural. What stands out here, however, is the treatment of these contemporary phenomena in a way that is so meticulous and slow.
In the deeper contemplation then also comparisons with other painters impose themselves. Vermeer is certainly a model in his calm processing of everyday subjects in his concentration. Alexandra Schlund does not consciously concern herself with art history, but understands her work as autonomous; her models are the visual stimuli that she brings back from her travels. Nevertheless, even in this way of working she is not unlike the great realists, who were concerned with painterly quality in their still subjects.
Another parallel can be drawn with one of the great painters of the 20th century: Like Schlund, the American Edward Hopper was fascinated by the light melancholy, the romanticism, which adheres precisely to the often deserted, urban landscapes. If we compare pictures such as “Railway Bridge” from the 1950s with Schlund’s austere warehouses, or the “Nocturnal Pharmacy” with the recently painted “Dynamo”, a romantic mood resonates in all of them, which also reveals deep roots in a Nordic tradition.

 

 

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